Kommen wir nun zum Album. Es gibt
ja recht klare Ansagen, wie „Free Your Hate“,
„New American Century”, „Professional
Killer”, aber auch Texte, die wie persönliche
Abrechnungen klingen („Auf Wiedersehn, Youre No
Good“).
„„Free Your Hate“, „New
American Century”, „Professional Killer”,
das ist alles Lucia. Sie hat sehr viel Verantwortung übernommen,
nachdem sie sich immer als Gastmusikerin gefühlt
hatte. Jetzt sitzen wir alle in einem Boot. Das gefällt
mir gut, ein Großteil meiner Zeit wird ja schon
von der Produktion eingenommen, den technischen Dingen;
sich dann noch ernsthaft mit Lyrics beschäftigen
wird dann mitunter etwas zu viel. Den Song „Your
Not Good“ verstehe ich als Aussage: „Ich habe
keine Freunde, ich lebe alleine vor mich hin“. Aber
da wir gerade bei Abrechnung sind: Viele Fans denken,
der Song „Everyday Is A Good Day“ wäre
ein Stück über En Esch. Aber ich schreibe keine
Stücke über andere Bandmitglieder. Die Sache
ist schon zu lange her. Die Idee zu dem Text kam mir bei
dem Film „I Stand Alone“.
Gab es zwischenzeitliche Annäherungen?
Auf Eurer Website waren zeitweise sogar Slick Idiot Stücke
als Stream zu hören?
„2001 haben wir uns in New York getroffen.
Die KMFDM Reunion stand an und ich wollte Klartext mit
En Esch reden. Auf die Frage, ob er dabei wäre bekam
ich eine Bierflasche an den Kopf. Es gab die Chance, die
Frage: Wollt Ihr oder wollt Ihr nicht? Es wurde dann tabula
rasa gemacht, die Aufgaben und Verantwortlichkeiten
verteilt. En Esch und Günter Schulz sagten ab, die
anderen waren sofort Feuer und Flamme, Raymond Watts,
Tim Skold und Lucia waren sofort dabei. Das war für
mich eine Konstellation, unter der ich KMFDM weiterführen
konnte. Jetzt, da Tim Skold als Bassist bei Manson ist
und Raymond Watts wegen gesundheitlicher Probleme nicht
dabei sein kann, haben wir jetzt ein neues, stabiles Line-Up.“
Nochmal
zurück zu den Songs: Ist „Hau Ruck“ als
Aufbauhymne zu verstehen?
„Ich hatte eine Art Triptychon im Sinn;
Vom Album „ATTAK“ ging es über „WWIII“
zu „FUBAR“. Letzteres war aber nur ein Arbeitstitel,
der stand, bevor wir überhaupt begannen. Ich merkte
schnell, dass das überhaupt nicht meine Stimmung
repräsentierte. Es gab keine Antikriegsbewegung,
es wurde nichts besser. Der einzige Weg aus der momentanen
Situation ist die Bestärkung des Einzelnen. Der Gedanke
ist: Du, Du und Du, Ihr hört auf zu jammern, krempelt
die Ärmel hoch und macht etwas! Den Bandmitgliedern
hat diese Aufbruchstimmung gefallen. Als das Album fertig
wurde, fing die Geschichte mit der Frau an, die vor dem
weißen Haus campierte, um Präsident Bush zu
fragen, warum ihr Sohn sterben musste. Es kamen Reporter
und tausende Leute, die sie bestärkten. Das war für
mich die Bestätigung des Konzepts.“
Es passt überhaupt in die
momentane Stimmung, von der Euphorie der New Economy hinein
ins Jammertal Deutschland, wo alles so billig wie möglich
sein muss. Um was genau geht es Dir im Stück „Auf
Wiedersehn“.
„Auf Wiedersehn ist ein Nachsatz. Das
letzte Album „WWIII“ endete mit dem „Intro“.
„Auf Wiedersehn“ ist ein Stück über
Vaterfiguren. Es handelt von Leuten, von denen man denkt,
dass man zu ihnen aufblicken und nett zu ihnen sein muss,
damit man hört dass man ihnen gefällt. An dieser
fiktiven Person marschiert man nun vorbei. Es sollte nicht
wie nach „Adios“ eingetreten ein Abschied
auf unbestimmte Zeit sein. Ideen für ein neues Album
gibt es schon, und der Albumtitel wird diesmal wohl 10
Buchstaben haben.“
Das
ist schön zu hören. Was passiert eigentlich
mit MDFMK? Ist das Projekt auf Eis gelegt?
„Das MDFMK Album sehe ich als Platte,
an der ich 1 Jahr gebastelt habe. Zwischenzeitlich gab
es ja auch noch das Album mit Lucia. Dann noch ein Album
mit einer Band aus Seattle. Als MDFMK haben wir uns freundlich
von Universal getrennt. Die Vorgaben des Labels, mit dem
nächsten Album poppiger zu werden und Rap mit reinzubringen
konnten und wollten wir nicht erfüllen. So ließ
man uns sofort gehen. Sie bekundeten dann Interesse an
Lucia und sie machte einen Vertrag mit Universal für
ein Soloalbum. Die ganze Sache wiederholte sich: Man fuhr
eine fette Produktion, butterte Geld hinein ohne Ende.
Unter anderem arbeitete sie sechs Monate mit einem Topproduzenten.
Das fertige Album wollten sie dann nicht mehr veröffentlichen.
Also entließ man sie aus dem Vertrag, Universal
erkannte an, dass sie eine halbe Million Dollar in den
Sand gesetzt haben und so konnte Lucia das Album veröffentlichen.“
Wie sieht Eure Arbeitsweise aus?
Kommt Ihr nun als neues Line-Up zusammen in ein Studio,
oder werkelt jeder weiter für sich?
„Traditionell sass KMFDM nie an einem
Ort. Als wir 89 in die Staaten gegangen sind, waren wir
ziemlich verstreut. Es hat sich so entwickelt, dass ich
die meisten Songs geschrieben habe. Die Gitarrenriffs
habe ich auf einem Synthesizer simuliert, und dann sind
wir ins Studio und haben das aufgenommen. Jetzt sitzen
wir alle an einem Ort, aber wir haben weder Zeit noch
die Räumlichkeiten, um alle auf einem Haufen zu hocken,
und irgendwann geht jemand los zum Bier holen und der
Tag ist verloren. Vielmehr ist es so, dass jeder nach
seiner Facon arbeitet, und wir kommen dann zusammen und
im Schichtbetrieb wird aufgenommen.“
Ihr kommt also ohne Engineers
aus, eigentlich richtungsweisend für eine ökonomische
Produktion.
„Wenn wir ein festes Budget
haben, dann ist das für die Musiker, es gibt keine
Unkosten, keine Flüge, keinen Overhead. Die Szene
in den USA ist hammerhart geworden. Durch die CD-Piraterie
sind die Plattenverkäufe im Keller. Es ist alles
viel schleppender geworden als es noch in den 80ern und
90ern war. Mit KMFDM sind wir erfolgreicher denn je. Das
hat damit zu tun, dass wir mindestens doppelt so hart
arbeiten und unsere Unkosten total zusammengestrichen
haben. Zusammen mit Vorband und Equipment sind wir in
einem Bus.“