Interviews  
 



KMFDM

- Alles aus einem Bus -

Im letzten Jahr feierte die Industrial Institution KMFDM 20-jähriges Bandbestehen. Nach der Jubiläumstour ruhte sich die Band um den Ex-Hamburger Sascha Konietzko aber nicht auf den Lorbeeren aus und so erscheint pünktlich 2 Jahre nach dem letzten Album „WWIII“ das neue, dreizehnte Werk „Hau Ruck“. Auch wenn der Titel nicht in die 5-Zeichen Albumtitel –Konvention passt: Darauf kann eigentlich nur KMFDM kommen! Zuletzt widmete man ein ganzes Album dem Thema Gewalt und Krieg, „Hau Ruck“ ist thematisch wieder offen. Im letzten Jahr feierte man das 20-jährige Bandbestehen mit einer ausgedehnten Welt-Tournee, und auch im 21. Jahr bereist man wieder den halben Globus und machte auch Station in Freiburg, wo man sich zuletzt vor 8 Jahren sehen ließ, als Support von Rammstein. Nachdem man kurzfristig mit dem Nightliner eine der wichtigsten Verkehrsadern in Freiburg blockierte und dann das Szenario im Freiburger Café Atlantik gescannt hatte, gab mir ein bestens gelaunter Sascha Konietzko aka Kaptain K. bereitwillig über das neue KMFDM Album Hau Ruck Auskunft. Das Interview fand in entspannter Atmosphäre in den letzten Sonnenstrahlen des Monats November statt, begleitet vom rauschen der vorbeifliessenden Dreisam.

Ein guter Teil Eurer Tour ist nun absolviert, wie lief es denn bisher für Euch?
„Kleine Läden, große Läden, es war immer voll. Gestern hatten wir einen Tag frei und das war wirklich nötig. Wäsche waschen, Fussnägel schneiden, das sind die Sachen, die man an einem freien Tag macht. Es ist unglaublich, wie man sich als Mensch auf Tournee reduziert. Dein Leben findet auf einer Fläche von zwei Quadratmetern statt. Man hält sich mit gutem Essen, einem leckeren Bier und Wodka am Abend über Wasser. Die Welt kann morgens, wenn man aufwacht aber auch ziemlich finster aussehen, wenn man mit den Gedanken aufwacht: Wie lange noch? Wie riecht es hier? Wo bin ich hier? Wer kommt heute Abend? Was verdienen wir?"

Mit Panic DHH habt Ihr einen Support-Act, mit dem Ihr schon mal unterwegs wart. Klappte das so gut oder war niemand anderes bereit?
„Mit denen kommen wir gut klar, auch im Tourbus. Wenn man Rabauken dabei hat, kann das ziemlich schnell ätzend werden. Es gilt zu vermeiden, dass eine ungute Dynamik entsteht. Wenn man drei Monate auf Tour ist, müssen manche Sachen einfach funktionieren. Es ist auf jeden Fall keiner dabei, von dem man weiß, dass er überall seinen Scheiß rumliegen lässt oder stinkt wie Sau.“

Kommen wir nun zum Album. Es gibt ja recht klare Ansagen, wie „Free Your Hate“, „New American Century”, „Professional Killer”, aber auch Texte, die wie persönliche Abrechnungen klingen („Auf Wiedersehn, Youre No Good“).
„„Free Your Hate“, „New American Century”, „Professional Killer”, das ist alles Lucia. Sie hat sehr viel Verantwortung übernommen, nachdem sie sich immer als Gastmusikerin gefühlt hatte. Jetzt sitzen wir alle in einem Boot. Das gefällt mir gut, ein Großteil meiner Zeit wird ja schon von der Produktion eingenommen, den technischen Dingen; sich dann noch ernsthaft mit Lyrics beschäftigen wird dann mitunter etwas zu viel. Den Song „Your Not Good“ verstehe ich als Aussage: „Ich habe keine Freunde, ich lebe alleine vor mich hin“. Aber da wir gerade bei Abrechnung sind: Viele Fans denken, der Song „Everyday Is A Good Day“ wäre ein Stück über En Esch. Aber ich schreibe keine Stücke über andere Bandmitglieder. Die Sache ist schon zu lange her. Die Idee zu dem Text kam mir bei dem Film „I Stand Alone“.

Gab es zwischenzeitliche Annäherungen? Auf Eurer Website waren zeitweise sogar Slick Idiot Stücke als Stream zu hören?
„2001 haben wir uns in New York getroffen. Die KMFDM Reunion stand an und ich wollte Klartext mit En Esch reden. Auf die Frage, ob er dabei wäre bekam ich eine Bierflasche an den Kopf. Es gab die Chance, die Frage: Wollt Ihr oder wollt Ihr nicht? Es wurde dann tabula rasa gemacht, die Aufgaben und Verantwortlichkeiten verteilt. En Esch und Günter Schulz sagten ab, die anderen waren sofort Feuer und Flamme, Raymond Watts, Tim Skold und Lucia waren sofort dabei. Das war für mich eine Konstellation, unter der ich KMFDM weiterführen konnte. Jetzt, da Tim Skold als Bassist bei Manson ist und Raymond Watts wegen gesundheitlicher Probleme nicht dabei sein kann, haben wir jetzt ein neues, stabiles Line-Up.“

Nochmal zurück zu den Songs: Ist „Hau Ruck“ als Aufbauhymne zu verstehen?
„Ich hatte eine Art Triptychon im Sinn; Vom Album „ATTAK“ ging es über „WWIII“ zu „FUBAR“. Letzteres war aber nur ein Arbeitstitel, der stand, bevor wir überhaupt begannen. Ich merkte schnell, dass das überhaupt nicht meine Stimmung repräsentierte. Es gab keine Antikriegsbewegung, es wurde nichts besser. Der einzige Weg aus der momentanen Situation ist die Bestärkung des Einzelnen. Der Gedanke ist: Du, Du und Du, Ihr hört auf zu jammern, krempelt die Ärmel hoch und macht etwas! Den Bandmitgliedern hat diese Aufbruchstimmung gefallen. Als das Album fertig wurde, fing die Geschichte mit der Frau an, die vor dem weißen Haus campierte, um Präsident Bush zu fragen, warum ihr Sohn sterben musste. Es kamen Reporter und tausende Leute, die sie bestärkten. Das war für mich die Bestätigung des Konzepts.“

Es passt überhaupt in die momentane Stimmung, von der Euphorie der New Economy hinein ins Jammertal Deutschland, wo alles so billig wie möglich sein muss. Um was genau geht es Dir im Stück „Auf Wiedersehn“.
„Auf Wiedersehn ist ein Nachsatz. Das letzte Album „WWIII“ endete mit dem „Intro“. „Auf Wiedersehn“ ist ein Stück über Vaterfiguren. Es handelt von Leuten, von denen man denkt, dass man zu ihnen aufblicken und nett zu ihnen sein muss, damit man hört dass man ihnen gefällt. An dieser fiktiven Person marschiert man nun vorbei. Es sollte nicht wie nach „Adios“ eingetreten ein Abschied auf unbestimmte Zeit sein. Ideen für ein neues Album gibt es schon, und der Albumtitel wird diesmal wohl 10 Buchstaben haben.“

Das ist schön zu hören. Was passiert eigentlich mit MDFMK? Ist das Projekt auf Eis gelegt?
„Das MDFMK Album sehe ich als Platte, an der ich 1 Jahr gebastelt habe. Zwischenzeitlich gab es ja auch noch das Album mit Lucia. Dann noch ein Album mit einer Band aus Seattle. Als MDFMK haben wir uns freundlich von Universal getrennt. Die Vorgaben des Labels, mit dem nächsten Album poppiger zu werden und Rap mit reinzubringen konnten und wollten wir nicht erfüllen. So ließ man uns sofort gehen. Sie bekundeten dann Interesse an Lucia und sie machte einen Vertrag mit Universal für ein Soloalbum. Die ganze Sache wiederholte sich: Man fuhr eine fette Produktion, butterte Geld hinein ohne Ende. Unter anderem arbeitete sie sechs Monate mit einem Topproduzenten. Das fertige Album wollten sie dann nicht mehr veröffentlichen. Also entließ man sie aus dem Vertrag, Universal erkannte an, dass sie eine halbe Million Dollar in den Sand gesetzt haben und so konnte Lucia das Album veröffentlichen.“

Wie sieht Eure Arbeitsweise aus? Kommt Ihr nun als neues Line-Up zusammen in ein Studio, oder werkelt jeder weiter für sich?
„Traditionell sass KMFDM nie an einem Ort. Als wir 89 in die Staaten gegangen sind, waren wir ziemlich verstreut. Es hat sich so entwickelt, dass ich die meisten Songs geschrieben habe. Die Gitarrenriffs habe ich auf einem Synthesizer simuliert, und dann sind wir ins Studio und haben das aufgenommen. Jetzt sitzen wir alle an einem Ort, aber wir haben weder Zeit noch die Räumlichkeiten, um alle auf einem Haufen zu hocken, und irgendwann geht jemand los zum Bier holen und der Tag ist verloren. Vielmehr ist es so, dass jeder nach seiner Facon arbeitet, und wir kommen dann zusammen und im Schichtbetrieb wird aufgenommen.“

Ihr kommt also ohne Engineers aus, eigentlich richtungsweisend für eine ökonomische Produktion.
„Wenn wir ein festes Budget haben, dann ist das für die Musiker, es gibt keine Unkosten, keine Flüge, keinen Overhead. Die Szene in den USA ist hammerhart geworden. Durch die CD-Piraterie sind die Plattenverkäufe im Keller. Es ist alles viel schleppender geworden als es noch in den 80ern und 90ern war. Mit KMFDM sind wir erfolgreicher denn je. Das hat damit zu tun, dass wir mindestens doppelt so hart arbeiten und unsere Unkosten total zusammengestrichen haben. Zusammen mit Vorband und Equipment sind wir in einem Bus.“

Christian Dännart